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Vernehmlassungverfahren der neuen Tierschutzverordnung

Stand: Dezember 2006

Im Dezember 2005 hat das Parlament das neue Tierschutzgesetz gutgeheissen. Infolge dessen läuft zur Zeit das Vernehmlassungsverfahren zur Totalrevision der Tierschutzverordnung samt Erläuterungen.

Auszug der Tierschutzverordnung (PDF) (Bestimmungen betreffend Schildkröten)

Weitere PDF-Dokumente zur neuen Tierschutzverordnung sind auf der Website des Bundesamtes für Veterinärwesen BVET www.bvet.ch abzurufen.

Siehe dazu auch folgenden Artikel (in PDF-Format) Zeitschrift TESTUDO: TESTUDO_2006_Vol_15_Heft_3_Seite_5, erschienen im September 2006.

Persönliche Stellungnahme zu den Bestimmungen der neuen Tierschutzverordnung bezüglich Schildkröten

Allgemein

Meine Enttäuschung über die Bestimmungen im Entwurf der neuen Tierschutzverordnung betreffend Schildkröten ist gross. Die grundsätzlichen Anliegen und Ziele, die den Bestimmungen zugrunde liegen sind zwar lobenswert:

  • Erhöhung der Fachkenntnisse der TierhalterInnen durch Ausbildungkurse und Weiterbildungsmassnahmen
  • Information der Öffentlichkeit
  • Effizienter Vollzug
  • Mindestanforderungen für die Haltung

Die einzelnen Ausführungsbestimmungen (siehe Auszug der Tierschutzverordnung) jedoch können meines Erachtens die Ziele nicht erfüllen. Die Bestimmungen widerspiegeln in keiner Weise den heutigen Kenntnisstand der Schildkrötenhaltung. Einzelne Bestimmungen der alten Verordnung, die in Fachkreisen unbestrittenerweise unsinnig waren, sind erneut enthalten. Ich verweise dazu beispielsweise auf die Haltungsvorschrift eines Wasserbeckens im Gehege für Spornschildkröten (Geochelone sulcata), einer Landschidkröte aus der Sahelzone, die in ihrem natürlichen Lebensraum wohl noch nie ein stehendes Gewässer gesehen bzw. zum Bade genutzt hat. Andere Ausführungen sind nicht nur unsinnig, sondern schlicht falsch wie beispielsweise die Aufzählung der von den Bestimmungen betroffenen Schildkrötenarten, wo die deutsche Bezeichnung teilweise nicht mit den wissenschaftlichen Namen übereinstimmen.

Gesamthaft erhält der Schildkrötenfachmann den Eindruck, dass man mit den Bestimmungen tatsächlich die wichtigsten Haltungsparametern wie Gehegegrösse, Temperatur- und Feuchtigkeitsbedürfnisse, Fütterung und Lichtverhältnisse für einzelne Arten regeln wollte, aber bei sehr rudimentären, leider oftmals fachlich fragwürdigen Bestimmungen stecken blieb. In der Realität ist die artgerechte Schildkrötenhaltung eben nicht in ein paar Sätzen zu regeln, zu komplex sind die Sachverhalte einerseits und zu unterschiedlich sind die Bedürfnisse der über 200 Schildkrötenarten andererseits. So werden die gut gemeinten Bestimmungen der neuen Tierschutzverordnung, sofern diese tatsächlich so in Kraft treten, zum Bumerang und das übergeordnete Ziel einer artgerechten Haltung kann nur durch Missachtung einzelner Bestimmungen erreicht werden.

Meine Hoffnung zur notwendigen Korrektur einzelner Bestimmungen beruht auf den Änderungsvorschlägen der zur Anhörung eingeladenen Interessensgruppen wie beispielsweise die Schildkröten-Interessengemeinschaft Schweiz (SIGS), welche bezüglich der Schildkrötenhaltung zahlreiche Vorschläge fristgerecht Mitte November 2006 eingereicht hat. Als Vorstandsmitglied der SIGS war es mir möglich gemeinsam mit anerkannten Fachleuten in der Schweiz alles daran setzen, fachlich einwandfreie, dem heutigen Wissenstand in der Schildkrötenhaltung entsprechende Bestimmungen für die neue Tierschutzverordnung vorzuschlagen.

Einzelne Kritikpunkte

  1. Aufzählung der Schildkrötenarten
     
    • Die wissenschaftlichen Bezeichnungen der Schildkrötenarten sind teilweise falsch: horsfieldii anstelle horsefieldii oder Geochelone gigantea ist veraltet und nicht mehr geläufig. Korrekte Bezeichnung heute: Dipsochelys dussumieri.
       
    • Die deutschen Bezeichnungen stimmen nicht mit den wissenschaftlichen Bezeichnungen überein (Sternschildkröten werden fälschlicherweise unter den Strahlenschildkröten subsumiert). 
       
    • Die Aufzählung einzelner Schildkrötenarten scheinen eher zufällig gewählt zu sein. Warum einzelne Arten genannt werden und andere nicht, scheint nicht plausibel zu sein. Zum Beispiel fehlt meines Erachtens die Gattung Pyxis, obwohl diese Schildkrötengattung allgemein als sehr heikel zu halten gilt.
        
  2. Mindestanforderungen an die Gehegegrösse
     
    • Bei den Angaben zu den Mindestgehegegrössen wird nicht explizit angegeben, ob Innen- oder Aussgehege gemeint sind. Je nach Schildkrötenart ist aber genau diese Unterscheidung wichtig. Für tropische Landschildkröten sollten sich die Mindestangaben auf Innengehege beziehen, bei europäischen Landschildkrötenarten auf Aussengehege.
        
    • Die Angaben in Länge und Breite des Geheges ist verwirrend und für Angaben der Mindestgehegegrössen auch unsinnig. Es ist ja wohl kaum gemeint, dass ein Gehege für europäische Landschildkröten ein bestimmtes Längen-/Breitenverhältnis aufweisen sollte. Flächenangaben mit der Körperlänge multipliziert wären eindeutig und auch in der Praxis gut umzusetzen.
        
    • Den Bedürfnissen der europäischen Landschildkrötenarten wird zu wenig Rechnung getragen. Weitaus der grösste Teil der Schildkrötenhaltungen bestehen aber aus europäischen Landschildkrötenarten. Mit Mindestgrössenangaben für Aussengehege sowie die Anforderung, mit Wärmelampen ausgestattete Frühbeetkästen könnte die Situation in diesen Haltungen markant verbessert werden. Mit einer solchen einfachen Bestimmung wäre dem weitaus grössten Teil der Schildkröten in Menschenobhut am besten gedient. 
       
  3. Aufhebung der Bewilligungspflicht für Spornschildkröten (Geochelone sulcata)
     
    • Diese (leider) sehr oft gehaltene und gross werdende Landschildkröte hat in der Vergangenheit den Tierschutzbehörden oftmals Probleme wegen viel zu kleinen Platzverhältnissen bei den Haltungen verursacht. Die Bewilligungspflicht hat aber zumindest eine abschreckende Wirkung bezüglich Anschaffung solcher grossen Schildkröten gehabt. Ausserdem war eine Kontrolle der Spornschildkröten-Haltungen gewährleistet. Die in diesem Kontext unerklärliche Aufhebung der Bewilligungspflicht sollte rückgängig gemacht werden.
       
    • Zu überprüfen ist, ob nicht eine Bewilligungspflicht für besonders schwierig zu haltende, vor allem tropische Landschildkröten eingeführt werden sollte.
  4. Besondere Anforderungen
     
     
    • Angaben über die relative Feuchtigkeit bei einzelnen Schildkrötenangaben ist sinnvoll, der Bereich von 40 - 80% ist jedoch viel zu gross.
       
    • Köhler-, Waldschildkröten: Für diese Arten ist die Fütterungsvorschrift "... kaum tierisches Protein enthalten ..." unsinnig. Diese Schildkrötenarten ernähren sich omnivor, neben überwiegend pflanzlichem Futter wird durchaus fleischliche Kost gefressen. Sowohl Lebensraum als auch Verdauungsorgane weisen auf das Fleisch enthaltende Nahrungsspektrum hin.
       
    • Versteckmöglichkeiten sind zwar bei anderen Tierarten aufgeführt (Anforderung 15), nicht aber bei den Landschildkröten. Versteckmöglichkeiten sind aber ein ganz wichtiger Bestandteil eines artgerechten Geheges.
       
    • Anforderung 13, lockeres Substrat zum Vergraben, fehlt bei den Landschildkröten, gehört aber zu deren natürlichem Verhaltungsrepertoir.
       
    • Für tropische Landschildkröten, die im Winterhalbjahr in Innengehegen untergebracht werden müssen, ist die Anforderung von UV-Licht wichtig (Anforderung 17). Leider fehlt bei den Landschildkröten diese Bestimmung. 
       
    • Einzelne Schildkrötenarten, wie alle europäischen Landschildkrötenarten, vertragen nur ein bestimmtes Geschlechterverhältnis. Zuviele Männchen in einem Gehege führen zu tierquälerischen Auseinandersetzungen. Diese Anforderung wäre sehr wichtig, ist aber nicht vorhanden.
         
  5. Ausbildung
     
     
    • Artikel 16 und 17 sehen für Halter von einigen Wildtieren die Absolvierung eines Ausbilungskurses vor. Die Gruppe der Schildkröten ist bei der Aufzählung der betroffenen Wildtieren nicht enthalten, was meines Erachtens unverständlich ist.

Schlussbemerkungen

Im Gespräch mit Fachleuten, die sich mit der Tierschutz-Problematik ingesamt auseinandersetzen, begegne ich immer wieder dem Hinweis, dass der Bereich der privaten Wildtierhaltung, insbesondere Schildkrötenhaltung, nur ein Randgebiet der gesamten Tieschutzverordnung umfasse und deshalb auch nicht ein besonderes Gewicht erhalte. Da seien tierschützerische Aspekte in der Landwirtschaft, Zootierhaltung oder die Tierversuchsproblematik wesentlich gewichtigere Themen der neuen Tierschutzerordnung. Dem kann ich wohl zustimmen, aber dann sollte meines Erachtens konsequenterweise diese "unwichtigen" Bereiche wie die Schildkrötenhaltung aus der Tierschutzverordnung gänzlich ausgeklammert werden. Unbestrittenerweise fachlich ungenügende oder gar falsche Bestimmungen dürfen im Gesetz niemals Platz haben und seien sie noch so gut gemeint oder von untergeordneter Bedeutung. Deshalb bin ich noch guter Hoffnung, dass die Einwendungen von kompetenter Seite in der neuen Tierschutzverordnung ihren Niederschlag finden, die laut Aussage des Bundesamtes für Veterinärwesen Mitte 2008 in Kraft treten wird.


Copyright 2017, Stefan Kundert Literatur ...
 
SIGS
Schildkröten-Interessengemeinschaft Schweiz

www.sigs.ch



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(Stefan Kundert)